Hund verstehen statt trainieren
- Die Menschen-Trainerin für Hunde

- 11. Aug.
- 5 Min. Lesezeit
Hund verstehen statt trainieren | Beziehung statt Methode

Hund verstehen statt trainieren – was mir eine Begegnung am Waldrand wieder gezeigt hat
Manchmal entstehen die spannendsten Coachings nicht geplant.
Nicht auf einem Hundeplatz.
Nicht in einer vorbereiteten Trainingsstunde.
Nicht mit einem festgelegten Trainingsziel.
Sondern irgendwo am Waldrand.
Vor mir stand eine Frau mit ihrer jungen Hündin. Sie hatte selbst eine Hundetrainerausbildung absolviert, kannte Begriffe, Methoden und Trainingsansätze – und trotzdem war sie mit ihrem eigenen Hund an einem Punkt angekommen, an dem vieles nicht mehr zusammenpasste.
Je länger wir miteinander sprachen, desto deutlicher wurde für mich:
Es fehlte ihr nicht an Wissen.
Es fehlte ihr an einem anderen Blick.
Und genau dort beginnt meine Arbeit.
Ich gebe Menschen nicht einfach Antworten – ich lasse sie hinschauen
Die junge Hündin war temperamentvoll, fordernd und offenbar ziemlich geschickt darin, vorhandenen Spielraum zu nutzen.
Die Besitzerin erzählte mir unter anderem von einer anderen Hündin, mit der ihre Hündin wunderbar zurechtkam.
Das Interessante daran:
Diese Hündin hatte vom ersten Kontakt an sehr klar kommuniziert, was sie akzeptiert und was nicht. Kein langes Verhandeln. Keine Unsicherheit. Keine ständigen Wiederholungen. KEINE DISKUSSION.
Klare soziale Kommunikation.
Bei einem anderen Hund war es offenbar anders gelaufen. Er hatte anfangs mehr zugelassen und musste später deutlich massiver werden, als die junge Hündin seine Grenzen immer weiter auslotete.
Ob die Situation tatsächlich genau so abgelaufen war, kann ich nicht beurteilen – ich war nicht dabei. Aber die Schilderungen der Besitzerin boten eine interessante Frage:
Was können wir Menschen eigentlich von einem souveränen Hund lernen?
Vielleicht genau das:
Eine Grenze wird nicht dadurch liebevoll, dass wir sie möglichst lange vermeiden.
Und sie wird nicht dadurch brutal, dass sie eindeutig ist.
Einschränkung ist nicht automatisch etwas Negatives
Im weiteren Gespräch kamen wir auf ein Thema, mit dem die Besitzerin offensichtlich Mühe hatte:
Einschränkung. Raum begrenzen. Den Hund anbinden. Eine Box nutzen. Entscheidungsfreiheit zeitweise reduzieren.
Für viele Menschen fühlt sich das zunächst unangenehm an.
Fast so, als würden sie ihrem Hund etwas wegnehmen.
Dann erzählte sie mir etwas Spannendes.
Wenn sie bei ihrer betagten Mutter zu Besuch sei, werde die Hündin zeitweise im Gang angebunden.
Und dort?
Sei sie ruhig.
Ich fragte:
„Was glaubst Du, warum sie dort zur Ruhe kommt?“
Die Antwort lag eigentlich bereits in ihrer eigenen Geschichte.
Nicht die viele Freiheit brachte den Hund zur Ruhe.
Sondern die Begrenzung.
Also fragte ich weiter:
Was muss dieser Hund dort noch entscheiden?
Für welchen Raum muss er verantwortlich sein?
Was muss er kontrollieren?
Was bleibt ihm überhaupt noch zu tun?
Irgendwann wurde die Antwort sichtbar: Nichts.
Der Hund muss nichts tun.
Er darf einfach sein.
Und plötzlich bekommt das böse Wort Einschränkung eine vollkommen andere Bedeutung.
Manchmal ist eine Grenze eine Entlastung
Ein Hund, der ständig Räume verwaltet, Menschen kontrolliert, Bewegungen kommentiert oder auf jeden Reiz reagieren muss, erlebt grenzenlose Freiheit nicht zwangsläufig als Freiheit.
Sie kann auch Verantwortung bedeuten.
Und Verantwortung kann überfordern.
Wenn ich einem solchen Hund einen Teil dieser Verantwortung abnehme, unterdrücke ich ihn nicht automatisch.
Ich sage möglicherweise:
Du musst Dich darum nicht kümmern. Ich kümmere mich.
Das ist Führung.
Nicht im Sinne von Macht über den Hund.
Sondern im Sinne von Verantwortung für den Hund.
Und während wir darüber sprachen, wurde es emotional.
Nicht, weil ich dieser Frau etwas eingeredet hatte.
Sondern weil sie begann, ihre eigenen Erlebnisse mit ihrem Hund plötzlich anders zu verstehen.
Genau solche Momente liebe ich an meiner Arbeit.
Und dann kam der Traktor
Fast hätte man ihn für das Coaching bestellen können.
In einiger Entfernung tauchte ein Traktor auf.
Die Hündin bemerkte ihn sofort.
Ohren nach vorne. Aufmerksamkeit beim Reiz.
Und unmittelbar begann das bekannte Trainingsprogramm.
Die Besitzerin griff zu ihren Leckerchen und versuchte, die Aufmerksamkeit der Hündin umzulenken.
Ich sagte zunächst nichts.
Ich schaute zu.
Vor allem schaute ich den Hund an.
Und nach kurzer Zeit musste ich schmunzeln.
Denn die Hündin hatte das System hervorragend verstanden.
Nur möglicherweise etwas anders, als ihre Besitzerin dachte.
Ich sagte:
„Die Geister, die ich rief.“
Der entsprechende Blick sagte ungefähr:
Was redet die Frau jetzt schon wieder?
Also fragte ich:
„Was belohnst Du gerade?“
„Wenn sie mich anschaut.“
Und dann kam die entscheidende Frage:
„Bist Du sicher, dass sie Dich gerade wirklich anschaut?“
Schaut Dein Hund Dich an – oder bedient er das System?
Genau hier wird es spannend.
Denn ein Hund kann seinen Kopf in meine Richtung drehen, ohne innerlich wirklich bei mir zu sein.
Er kann gelernt haben:
Reiz wahrnehmen.
Blick zur Hand.
Leckerchen.
Wieder Reiz.
Wieder Hand.
Wieder Leckerchen.
Das kann äußerlich wunderbar aussehen.
Der Hund „orientiert“ sich scheinbar am Menschen.
Aber tut er das wirklich?
Oder hat er lediglich eine hervorragend funktionierende Verhaltenskette gelernt?
Ein cleverer Hund erkennt solche Systeme unglaublich schnell.
Und diese junge Hündin war clever.
Sie konnte den Traktor weiterhin im Blick behalten und gleichzeitig genau das Verhalten anbieten, von dem sie wusste, dass es sich lohnt.
Der Selecta-Automat war eröffnet.
Knopf drücken.
Ware fällt heraus.
Das Problem ist nicht das Leckerchen
Mir geht es dabei ausdrücklich nicht darum, Futterbelohnung grundsätzlich zu verteufeln.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr:
Weißt Du tatsächlich, was Du in diesem Moment belohnst?
Denn zwischen einem Verhalten und der inneren Ausrichtung eines Hundes können Welten liegen. Wenn ich ausschließlich auf das sichtbare Verhalten schaue, kann ich etwas verstärken, von dem ich überzeugt bin, dass es Orientierung an mir sei – während mein Hund innerlich weiterhin vollständig mit dem Außenreiz beschäftigt ist.
Und genau deshalb reicht mir Verhalten allein nicht.
Ich möchte wissen:
Wo ist dieser Hund gerade wirklich?
Was beobachtet er?
Was erwartet er?
Welche Aufgabe glaubt er übernehmen zu müssen?
Welche Dynamik läuft zwischen Mensch und Hund?
Und vor allem: Braucht dieser Hund gerade wirklich eine weitere Trainingsaufgabe – oder braucht er einen Menschen, der Verantwortung übernimmt?
Hund verstehen statt trainieren bedeutet, die Feinheiten zu sehen
Genau deshalb arbeite ich anders.
Ich komme nicht mit einem fertigen Trainingsschema und lege es über jeden Hund.
Ich beobachte.
Den Hund.
Den Menschen.
Den Raum.
Die Beziehung.
Und dann stelle ich Fragen.
Manchmal so lange, bis mein Gegenüber plötzlich selbst sagt:
„Ach so.“
Dieser Moment ist für mich viel wertvoller als zehn Anweisungen.
Denn was ein Mensch selbst erkannt hat, muss ich ihm nicht mehr als Methode verkaufen.
Er beginnt zu sehen.
Dein Hund lebt nicht auf dem Hundeplatz
Diese Begegnung am Waldrand hat mir wieder einmal gezeigt, warum ich Menschen mit ihren Hunden am liebsten dort begleite, wo ihr Leben tatsächlich stattfindet.
Zu Hause.
Im Garten.
Auf dem Spaziergang.
An der Haustür.
Beim Füttern.
Bei Begegnungen.
In all den kleinen Situationen, in denen sich Beziehung zeigt, lange bevor ein Hund ein offensichtliches „Problemverhalten“ zeigt.
Denn dort sehe ich nicht nur, was ein Hund gelernt hat.
Ich sehe, wie Mensch und Hund miteinander leben.
Vielleicht braucht Dein Hund nicht noch eine Methode
Viele Menschen, die zu mir kommen, haben bereits viel ausprobiert.
Hundeschule.
Einzeltraining.
Leckerchen.
Umlenken.
Ignorieren.
Beschäftigen.
Kommandos.
Noch mehr Training.
Und manchmal stelle ich irgendwann eine ganz andere Frage:
Was wäre, wenn Dein Hund gar nicht noch mehr Training braucht?
Was wäre, wenn er jemanden braucht, der ihn wirklich sieht?
Der erkennt, wann er Verantwortung übernimmt, die gar nicht seine sein sollte.
Der ihm Grenzen gibt, bevor er immer lauter werden muss.
Der unterscheiden lernt zwischen echtem Kontakt und gelerntem Verhalten.
Und der ihm vermitteln kann:
Ich sehe Dich. Ich verstehe, was hier gerade passiert. Und Du musst das nicht alleine regeln.
Das ist für mich Beziehung.
Und genau darum geht es in meinen Coachings.
Ich arbeite nicht am Hund.
Ich arbeite mit dem Menschen.
Damit irgendwann nicht mehr jemand fragen muss:
„Was hast Du gerade mit meinem Hund gemacht?“
Sondern selbst erkennt:
„Jetzt verstehe ich, was mein Hund mir die ganze Zeit gezeigt hat.“




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