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Resilienz beim  Hund

Wenn gut gemeinte Hilfe keine Hilfe mehr ist

Wir möchten unsere Hunde schützen.

Wir möchten ihnen Sicherheit geben, Stress ersparen, Frust möglichst klein halten und verhindern, dass sie schlechte Erfahrungen machen.

Gerade bei Welpen und unsicheren Hunden ist die Versuchung groß, sehr schnell einzugreifen: Wir helfen, locken, lenken um, bieten ein Alternativverhalten an, beruhigen, bestätigen, zeigen einen anderen Weg oder holen den Hund möglichst rasch aus einer Situation heraus, die ihm gerade Schwierigkeiten bereitet.

Ein Hund braucht nicht nur die Erfahrung:

„Mein Mensch hilft mir.“

Er braucht auch die Erfahrung:

„Ich kann etwas selbst bewältigen.“

Und manchmal nehmen wir ihm genau diese Erfahrung aus bester Absicht ab.

 

Resilienz entsteht nicht durch ein Leben ohne Stress

Resilienz bedeutet für mich nicht, dass ein Hund möglichst niemals Stress, Frustration, Unsicherheit oder Überforderung erlebt.

Ein solches Leben gibt es nicht.

Resilienz zeigt sich vielmehr darin, dass ein Lebewesen mit Belastungen umgehen, sich anpassen und nach einer schwierigen Situation wieder in einen regulierten Zustand zurückfinden kann.

Dafür braucht es Erfahrungen.

Eine Situation funktioniert nicht sofort.

Eine Erwartung erfüllt sich nicht.

Etwas ist unbekannt.

Ein Hindernis muss überwunden werden.

Eine bisher erfolgreiche Strategie funktioniert plötzlich nicht mehr.

Der Hund probiert etwas.

Es funktioniert nicht.

Er versucht etwas anderes.

 

TRIAL AND ERROR

Versuch & Irrtum

 

Ein elementarer Bestandteil von Lernen.

Und irgendwann macht der Hund eine unglaublich wichtige Erfahrung:

 

Ich habe eine Lösung gefunden.

Nicht der Mensch.

Ich.

Was passiert, wenn wir immer sofort helfen?

Stellen wir uns einen Welpen vor, der irgendwo hinaufklettert.

Es wackelt.

Er zögert.

Vielleicht weiß er für einen Moment nicht weiter.

Und schon kommt der Mensch.

„Vorsicht!“

Er greift ein.

Hilft herunter.

Lockt mit einem Leckerli.

Zeigt den sicheren Weg.

Beruhigt.

Oder verhindert bereits im Vorfeld, dass der Welpe überhaupt in diese Situation kommt.

Natürlich gibt es Situationen, in denen wir eingreifen müssen. Kein Hund muss sich verletzen, massiv überfordert oder einer echten Gefahr ausgesetzt werden, damit er „etwas fürs Leben lernt“. Aber zwischen Gefahr und einer bewältigbaren Herausforderung liegt ein großer Unterschied.

Ein Welpe darf ausprobieren.

Er darf einmal abrutschen.

Er darf kurz erschrecken.

Er darf etwas nicht sofort können.

Er darf frustriert sein.

Er darf einen zweiten Versuch brauchen.

Denn genau dabei lernt er nicht nur etwas über einen Baumstamm, eine Treppe oder einen Untergrund.

Er lernt etwas viel Wichtigeres über sich selbst:

Ich kann Probleme lösen.

Wenn Hilfe Hilflosigkeit fördern kann

Der Begriff der erlernten Hilflosigkeit beschreibt ursprünglich einen Zustand, in dem ein Lebewesen wiederholt erlebt, dass es eine belastende Situation durch das eigene Verhalten nicht beeinflussen kann. Irgendwann kann es aufhören, nach einer Lösung zu suchen – selbst wenn später wieder Handlungsmöglichkeiten vorhanden wären.

Ich verwende diesen Begriff bei meinem eigenen Hund Mahalo nicht als Diagnose.

Aber ich habe bei ihm Verhaltensweisen erlebt, die mich immer wieder mit der Frage konfrontiert haben:

Kann auch zu viel menschliche Hilfe dazu beitragen, dass ein Hund seine eigenen Handlungsmöglichkeiten immer weniger nutzt?

Nicht weil er sie nicht hätte.

Sondern weil der Mensch ihm zuvor gekommen ist.

Immer wieder.

Mahalo schien in vielen alltäglichen Situationen eine menschliche Fortsetzung zu erwarten.

 

Eine Bewegung.

Eine Hilfestellung.

Eine Anweisung.

Eine Bestätigung.

Den nächsten Schritt.

Blieb diese erwartete Fortsetzung aus, konnte er zeitweise regelrecht hilflos wirken.

Und genau dort begann unsere eigentliche Arbeit.

Vier Stunden in meiner Küche

Es gab eine Situation, die ich nie vergessen werde.

Mahalo stand in meiner Küche.

Eigentlich hätte er jederzeit gehen können.

Er kannte das Haus. Es gab keine Gefahr. Keine verschlossene Tür. Keine Aufgabe, die körperlich nicht zu bewältigen gewesen wäre.

Und trotzdem stand dieser Hund da.

 

Er schien nicht zu wissen, wie es ohne meine Hilfe weitergehen sollte.

Also wartete ich.

 

Ich wollte wissen:

Was passiert, wenn ich ihm die Lösung nicht liefere?

 

Mahalo wartete ebenfalls.

Nicht fünf Minuten.

Nicht zwanzig Minuten.

Vier Stunden.

Ich übertreibe nicht.

Und ich half ihm nicht.

Nicht weil es mir Freude bereitete, meinen Hund ratlos zu sehen.

Sondern weil ich irgendwann begriffen hatte:

Wenn ich ihm jetzt wieder zeige, wie es weitergeht, bestätige ich möglicherweise genau das, wovon ich ihn unabhängiger machen möchte.

Alleine weiß ich nicht weiter.
Der Mensch muss mir sagen, was ich tun soll.

Nein.

Dieses Mal gab es kein menschliches Navigationsgerät.

 

Nicht jede Ratlosigkeit muss sofort aufgelöst werden

Das war für mich ein entscheidender Perspektivenwechsel.

Wenn eine gewohnte Strategie nicht mehr funktioniert, entsteht zunächst keine Resilienz.

Zunächst kann etwas ganz anderes entstehen:

Frust.

Ratlosigkeit.

Unsicherheit.

Vielleicht sogar ein Moment von Hilflosigkeit.

Und genau diesen Zustand halten wir Menschen häufig schlecht aus.

Also greifen wir ein.

Wir zeigen ein Alternativverhalten.

Wir locken.

Wir lenken um.

Wir beschäftigen.

Wir beruhigen.

Wir bieten eine neue Lösung an.

Der Hund lernt dann möglicherweise hervorragend:

Wenn ich nicht weiterweiß, zeigt mir mein Mensch, was ich stattdessen tun soll.

 

Ich wollte mit Mahalo etwas anderes erreichen:

Wenn ich nicht weiterweiß, kann ich innehalten.

Ich kann ausprobieren.

Ich kann Frust aushalten.

Ich kann feststellen, dass meine bisherige Strategie nicht funktioniert.

Ich kann eine andere Möglichkeit finden.

Und ich kann erleben:

Ich bin selbst handlungsfähig.

Selbstwirksamkeit kann man einem Hund nicht schenken

Wir können einem Hund Sicherheit geben.

Wir können ihn schützen.

Wir können ihm Orientierung geben.

Wir können ihn führen.

Aber eine Erfahrung können wir nicht für ihn machen:

die Erfahrung der eigenen Wirksamkeit.

Dafür muss ein Hund selbst etwas bewältigen dürfen.

 

Und manchmal bedeutet gute Begleitung deshalb gerade, nicht sofort zu helfen.

Das ist keine Vernachlässigung.

Es ist auch kein „Da musst Du jetzt durch“, unabhängig davon, wie es dem Hund geht.

Es verlangt im Gegenteil sehr genaues Beobachten.

Ist diese Situation bewältigbar?

Ist mein Hund noch lernfähig?

Braucht er gerade wirklich meine Hilfe?

Oder halte ich seinen Frust nur nicht aus?

 

Das sind vollkommen unterschiedliche Fragen.

 

Auch Umlenken und Ablenken können Entwicklung verhindern

Sie sind keine universelle Antwort auf jede schwierige Situation.

 

Wenn ein Hund bei jedem unangenehmen Gefühl sofort einen Keks, eine Aufgabe oder eine andere Beschäftigung bekommt, muss man sich irgendwann auch fragen:

 

Was lernt er eigentlich über das unangenehme Gefühl selbst?

 

Hat er erfahren:

Ich kann damit umgehen?

 

Oder hauptsächlich:

Wenn es schwierig wird, sorgt mein Mensch dafür, dass ich mich mit etwas anderem beschäftige?

Auch eine freundlich gemeinte Intervention kann verhindern, dass ein Hund eine Situation tatsächlich verarbeitet und eine eigene Bewältigungsstrategie entwickelt.

Nicht jedes unangenehme Gefühl muss sofort verschwinden.

Nicht jeder Frust braucht eine Lösung.

Und nicht jede Unsicherheit braucht eine Ablenkung.

 

Positive Verstärkung verstärkt – aber was?

Auch meine Haltung zur positiven Verstärkung hat sich durch Mahalo noch gefestigt,

ich hatte meine Haltung schon zuvor, aber Mahalo lieferte mir sozusagen die lebendige Bestätigung dazu.

 

Positive Verstärkung ist ein Lernprinzip.

Aber der Begriff „positiv“ bedeutet nicht automatisch:

Das Ergebnis ist für diesen individuellen Hund langfristig positiv.

 

Deshalb interessiert mich heute eine andere Frage viel stärker:

Was verstärke ich eigentlich?

Ein erwünschtes Verhalten?

Oder möglicherweise auch eine Erwartung?

Eine permanente Orientierung am Menschen?

Erregung?

Das Bedürfnis nach einer Belohnung?

Eine Handlungskette, die längst zum Automatismus geworden ist?

Bei einem Hund wie Mahalo wäre aus meiner Sicht noch mehr Animation, Locken,

Helfen und Belohnen an vielen Stellen genau die falsche Antwort gewesen.

Er brauchte nicht ständig mehr von mir.

Er musste erfahren, dass er auch ohne meine permanente Beteiligung existieren

und handeln kann.

 

Verlässlichkeit ist nicht dasselbe wie Vorhersagbarkeit

Mahalo brauchte Sicherheit.

Sehr viel sogar.

Aber auch hier musste ich umdenken.

 

Sicherheit bedeutet für mich heute nicht:

Alles läuft immer exakt gleich, damit mein Hund niemals irritiert wird.

Denn was geschieht dann, wenn das Leben einmal nicht nach Plan läuft?

 

Für mich bedeutet Sicherheit:

Mein Hund kann sich auf mich verlassen, auch wenn er nicht weiß, was als Nächstes passiert.

Ich bin da.

Ich führe, wenn Führung notwendig ist.

Ich schütze, wenn Schutz notwendig ist.

Meine Grenzen sind verständlich.

 

Aber ich garantiere ihm nicht, dass jede Erwartung erfüllt wird.

 

Ein Löffelgeräusch kann etwas ankündigen.

Oder auch nicht.

Ich kann aufstehen und nach oben gehen.

Mahalo kann mitkommen.

Vielleicht bleibe ich aber auch unten.

Eine gewohnte Handlungskette darf unterbrochen werden, ohne dass die Welt zusammenbricht.

Genau diese Flexibilität gehört für mich heute zur Resilienz.

Frustration ist nicht der Feind

Auch Frustration gehört zum Leben.

Nicht alles funktioniert.

Nicht alles ist verfügbar.

Nicht jede Erwartung wird erfüllt.

Nicht jeder Wunsch bekommt eine Antwort.

 

Ein Hund, der bewältigbaren Frust erleben darf, kann lernen:

Ich halte dieses Gefühl aus.

Es steigt an.

Es ist unangenehm.

Ich muss nicht sofort handeln.

Und irgendwann geht es wieder vorbei.

Frustrationstoleranz entsteht nicht dadurch,

dass ein Hund niemals frustriert wird.

 

So wie Selbstständigkeit nicht dadurch entsteht, dass wir ihm jede Entscheidung abnehmen.

Aber Resilienz bedeutet nicht: immer mehr aushalten

Auch das hat Mahalo mich gelehrt.

Es gibt einen Punkt, an dem eine Herausforderung nicht mehr bewältigbar ist.

Dann braucht ein Hund wieder mehr Unterstützung, Führung oder Begrenzung.

Auch heute noch.

Es gibt Tage, an denen Mahalo erstaunlich viel selbst regulieren kann.

Und es gibt Tage, an denen mehrere kleine Belastungen zusammenkommen und ich irgendwann merke: Jetzt reicht es.

Dann wird sein Rahmen wieder enger.

Er bekommt Ruhe.

Ich übernehme mehr.

 

Das ist für mich kein Rückschritt.

Denn Resilienz bedeutet nicht, dass ein Hund irgendwann alles aushalten können muss.

Und Entwicklung verläuft nicht linear.

So viel Eigenständigkeit wie möglich.
So viel Führung und Begrenzung wie nötig.

 

Der kleine Hund vor dem Baumstamm

Eine weitere Situation mit Mahalo ist mir bis heute geblieben.

Er war jung und stand vor einem kleinen Baumstamm.

Keine gefährliche Situation.

Keine unlösbare Aufgabe.

Er sollte selbst herausfinden, wie er darüberkommt.

Und dieser Hund begann zu schreien.

Er schaute mich an.

Hilf mir.

Das war einer dieser Momente, in denen mir bewusst wurde, wie wenig selbstverständlich es für ihn offenbar war, ein kleines Problem zunächst einmal selbst zu untersuchen.

 

Also half ich nicht sofort.

Nicht weil mir seine Unsicherheit egal war.

Sondern weil ich ihm etwas zutraute.

Probier.

Schau.

Mach einen Fehler.

Versuch es noch einmal.

Vielleicht funktioniert es nicht beim ersten Mal.

Aber finde heraus, dass Du es kannst.

 

Der Hund, der mich zum Umdenken zwang

Mahalo hat mich an meine Grenzen gebracht.

Denn seine Schwierigkeiten zeigten sich nicht hauptsächlich darin, dass er irgendwelche Kommandos nicht beherrschte.

Im Gegenteil.

Dieser Hund lernte unglaublich schnell.

Das Problem war nicht mangelndes Training.

Das Problem lag unter anderem darin, dass sehr viele alltägliche Situationen für ihn mit menschlicher Aktivität, Erwartungen und Handlungsketten verbunden waren.

 

Und deshalb hätte noch mehr Hundetraining aus meiner Sicht an vielen Stellen genau das verstärkt, was bereits zu viel vorhanden war.

Ich musste aufhören, ständig etwas mit ihm zu machen.

Ich musste lernen, etwas auszuhalten, das viel schwieriger war:

 

Nichts zu tun.

Zu beobachten.

Nicht jede Frage zu beantworten.

Nicht jede Erwartung zu erfüllen.

Nicht jede Unsicherheit aufzulösen.

Nicht jeden Frust zu verhindern.

Und meinem Hund zuzutrauen, dass er selbst etwas herausfinden kann.

 

Fünf Jahre später

Heute kann ich in den Keller gehen.

Ich kann nach oben gehen.

Ich kann mein Essen zubereiten.

Ich kann mich durch mein eigenes Haus bewegen, ohne permanent überlegen zu müssen, was Mahalo währenddessen macht.

Das klingt banal.

Für mich ist es Freiheit.

Natürlich gibt es noch alte Muster.

Manchmal genügt ein Geräusch und ich sehe förmlich, wie in seinem Kopf eine alte Handlungskette anspringt.

Er wartet.

Schaut.

Probiert vielleicht noch eine seiner alten Strategien.

 

Und manchmal geschieht anschließend etwas, das früher kaum möglich gewesen wäre:

Er gibt die Erwartung auf.

Er geht ins Wohnzimmer.

Oder er legt sich mitten in meine Küche und schläft.

Während ich mein Leben weiterlebe.

 

Was Mahalo meine Arbeit mit Hunden gelehrt hat

Mahalo hat mir keine neue Trainingsmethode beigebracht.

Er hat mich vielmehr gezwungen, mich von der Frage nach der richtigen Methode immer weiter zu entfernen.

 

Heute interessiert mich zuerst:

Was passiert hier eigentlich?

Was braucht dieser Hund wirklich?

Wo braucht er Schutz?

Wo Führung?

Wo eine Grenze?

Wo Unterstützung?

Was verstärkt der Mensch möglicherweise, obwohl er eigentlich helfen möchte?

Und wo braucht ein Hund vielleicht vor allem eines:

die Gelegenheit, selbst eine Erfahrung zu machen?

Denn manchmal braucht ein Hund unsere Hilfe.

 

Und manchmal besteht die größte Hilfe darin, ihm nicht

sofort zu helfen. Ihm etwas zuzutrauen.

Seinen Frust nicht sofort zu beseitigen.

Seine Ratlosigkeit einen Moment auszuhalten.

Und ihm die Möglichkeit zu geben, irgendwann selbst zu erfahren:

Ich kann das.

Der Hund, der einmal vier Stunden in meiner Küche stand, weil sein gewohntes Programm nicht weiterging, kann heute in derselben Küche liegen und schlafen, während ich mein eigenes Leben lebe.

Für mich ist genau das Resilienz.

Nicht ein Hund, der niemals Stress erlebt.

 

Sondern ein Hund, der zunehmend erfahren hat:

Ich kann etwas bewältigen.
Ich kann Frust aushalten.
Ich muss nicht auf jede Erwartung reagieren.
Ich kann selbst eine Lösung finden.


Und wenn ich meinen Menschen wirklich brauche, ist er da.

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