
Praxisfall am Waldrand

Was passiert, wenn wir aufhören, am Hund herumzutrainieren
– und anfangen hinzuschauen? -
Manchmal braucht es keine Trainingsstunde.
Keinen Hundeplatz.
Keinen vorbereiteten Ablauf.
Keinen Trainingsplan.
Manchmal braucht es einen Hund, einen Menschen, einen Waldrand – und die richtigen Fragen.
Diese Begegnung war nicht geplant. Und vielleicht zeigt sie gerade deshalb so gut, wie ich arbeite. Nicht am Hund. Mit dem Menschen.
Denn häufig zeigt mir der Hund innerhalb kürzester Zeit ziemlich deutlich, wo wir hinschauen müssen.
Es begann beim Futternapf
Die Halterin erzählte mir von ihrer elf Monate alten Hündin.
Und irgendwann kamen wir auf das Fressen.
Die junge Hündin begann, ihr Futter zeitweise zu verweigern.
Für mich zunächst nichts Dramatisches.
Für ihre Halterin schon.
Sie machte sich Gedanken. Wurde unsicher. Beschäftigte sich damit. Was stimmt nicht?
Warum frisst sie nicht? Muss ich etwas verändern?
Und genau dort wurde es für mich interessant.
Denn ein junger Hund entdeckt nicht nur seine Umwelt.
Er entdeckt auch uns.
Er lernt sehr schnell:
Was löst mein Verhalten bei meinem Menschen aus?
Wo wird er unsicher?
Wo beginnt er zu verhandeln?
Wo verändert sich seine Energie?
Wo bekomme ich plötzlich sehr viel Aufmerksamkeit?
Ob die Hündin ihre Futterverweigerung bewusst als „Strategie“ einsetzt, interessiert mich dabei überhaupt nicht.
Entscheidend ist die Dynamik, die daraus entsteht.
Ich stellte ein paar Fragen.
Und irgendwann kamen die ersten Tränen.
Nicht weil ich etwas Dramatisches gesagt hätte.
Sondern weil wir plötzlich nicht mehr über den Futternapf gesprochen haben.
Wir sprachen über Sicherheit, Verantwortung und Führung.
Und ich wusste:
Hier können wir arbeiten.
Einschränkung ist nicht automatisch etwas Böses
Die Halterin erzählte weiter.
Wenn ihr Mann die Hündin in ihre Ruhebox bringt, funktioniert es problemlos.
Keine Diskussion. Keine Unruhe.
Der Hund fährt herunter.
Warum?
Der Mann macht daraus offenbar keine emotionale Angelegenheit.
Box. Ruhe. Fertig.
Die Halterin dagegen hatte Mühe mit Einschränkung.
Mit Begrenzung.
Vielleicht sogar mit dem Gedanken, dem Hund Freiheit zu nehmen.
Dann erzählte sie etwas Spannendes.
Wenn sie bei ihrer bereits sehr betagten Mutter ist, wird die Hündin im Gang angebunden. Teilweise für zwei oder drei Stunden.
Und dort?
Ist der Hund ruhig.
Also fragte ich:
Was glaubst Du, warum?
Was erzeugt diese Ruhe?
Die viele Freiheit?
Natürlich nicht.
Die Hündin ist räumlich begrenzt.
Sie kann nicht ständig entscheiden, wohin sie geht, wem sie folgt, was sie kontrolliert und worauf sie reagiert.
Und dann kam für mich der entscheidende Punkt:
Sie kann nicht nur nichts tun. Sie muss nichts tun.
Niemand verlangt von ihr, diesen Raum zu verwalten.
Die Verantwortung wurde ihr abgenommen.
Und plötzlich bekommt Einschränkung eine völlig andere Bedeutung.
Nicht: Ich beraube meinen Hund seiner Freiheit.
Sondern: Du musst Dich gerade um nichts kümmern. Ich übernehme.
Ist das aus Sicht dieses Hundes tatsächlich etwas Böses?
Oder ist es möglicherweise genau das, was ihm hilft, zur Ruhe zu kommen?
Wieder Tränen.
Und wieder keine fertige Antwort von mir.
Die Antwort hatte sie sich gerade selbst gegeben.
Dann erzählte sie von zwei anderen Hundebegegnungen
mit bekannten Hunden
Auch das war spannend.
Mit einer souveränen Hündin funktioniert der Kontakt ihrer jungen Hündin gut.
Diese Hündin hatte offenbar von Anfang an sehr klar kommuniziert:
Bis hierhin und nicht weiter.
Sie ließ Kontakt zu – aber nicht grenzenlos.
Sie war klar. Und die junge Hündin konnte sich daran orientieren.
Bei einem anderen Hund, einem Rüden, verlief es anders.
Er war zunächst toleranter. Ließ mehr zu. Die junge Hündin bekam mehr Spielraum.
Beim nächsten Kontakt wurde sie entsprechend frecher.
Und irgendwann musste der Rüde deutlicher werden.
Vielleicht war genau das passiert.
Ich war nicht dabei und kann deshalb nicht beurteilen, was zwischen diesen Hunden tatsächlich ablief.
Aber anhand ihrer Schilderung konnte ich ihr eine Frage mitgeben:
Was wäre gewesen, wenn der Rüde seine Grenze von Anfang an klar kommuniziert hätte?
Vielleicht hätte er später gar nicht so massiv werden müssen.
Und plötzlich waren wir wieder beim selben Thema.
Eine Grenze wird nicht dadurch liebevoll, dass wir sie möglichst lange vermeiden.
Und sie wird nicht dadurch aversiv, dass sie eindeutig ist.
Im Gegenteil.
Je länger wir eine notwendige Grenze vermeiden, desto größer ist manchmal die
Intensität, die wir später brauchen, um sie überhaupt noch verständlich zu machen.
Die souveräne Hündin hatte das offenbar nicht nötig.
Sie hatte ihren Rahmen früh gesetzt.
Und was hat das mit dem Menschen zu tun?
Sehr viel.
Denn während wir darüber sprachen, wurde sichtbar:
Die Halterin konnte die Klarheit dieser souveränen Hündin durchaus erkennen.
Sie konnte sogar verstehen, warum ihre eigene Hündin sich daran orientierte.
Nur sich selbst erlaubte sie dieselbe Klarheit noch nicht.
Zu Hause durfte die junge Hündin offenbar wesentlich mehr Raum einnehmen.
Sie sprang Menschen an, wurde körperlich, biss in Leine und Arme, überrannte im Garten sogar die hochbetagte Mutter.
Und gleichzeitig sollte sie sich draußen an einem Menschen orientieren, der innerlich noch mit der Frage beschäftigt war:
Darf ich meinen Hund überhaupt begrenzen?
Meine Frage war deshalb sinngemäß:
Wenn Du möchtest, dass Dein Hund sich draußen an Dir orientiert – wie soll er das lernen, wenn Deine Klarheit zu Hause immer wieder verhandelbar wird?
Führung beginnt nicht erst bei der Hundebegegnung.
Nicht beim Traktor.
Nicht an der Leine.
Sie entsteht im alltäglichen Zusammenleben.
Dann kam der Traktor
Während wir noch miteinander sprachen, näherte sich in einiger Entfernung ein Traktor.
Die Hündin bemerkte ihn.
Die Ohren gingen hoch.
Und ihre Halterin griff zu dem, was sie gelernt hatte.
Leckerlibeutel.
Umlenken.
Hund schaut zu ihr.
Belohnung.
Ich schaute eine Weile zu.
Dann sagte ich:
„Die Geister, die ich rief.“
Sie schaute mich an.
Also fragte ich:
Was belohnst Du gerade?
„Dass sie mich anschaut.“
Bist Du sicher?
Schaut sie Dich an?
Ist sie wirklich mit Dir in Kontakt?
Oder schaut sie auf Deine Hand?
Auf den Leckerlibeutel?
Und wo ist sie innerlich währenddessen?
Ist der Traktor tatsächlich unwichtig geworden?
Oder hat sie gelernt, gleichzeitig den Umweltreiz im Auge zu behalten und den Belohnungsautomaten hervorragend zu bedienen?
Ein Hund kann verdammt fein werden.
Ein Augenwinkel beim Reiz.
Der andere beim Menschen.
Und schon sieht es aus wie Kontakt.
Aber ist es Beziehung?
Genau deshalb arbeite ich anders mit Mensch und Hund
Das ist einer meiner grundlegenden Kritikpunkte an einem ausschließlich behavioristisch gedachten Hundetraining.
Wenn wir Verhalten isoliert betrachten, entsteht schnell die Frage:
Welches Verhalten möchte ich verstärken?
Mich interessiert vorher etwas anderes:
Was passiert gerade zwischen diesem Menschen und diesem Hund?
Wo befindet sich der Hund innerlich?
Übernimmt er Verantwortung, die ihm nicht gehört?
Kann er sich tatsächlich am Menschen orientieren?
Ist der Mensch klar?
Oder versucht er, über Futter etwas herzustellen, was auf Beziehungsebene noch gar nicht vorhanden ist?
Ein Leckerli ist nicht böse.
Eine Belohnung ist nicht böse.
Aber ein Keks beantwortet diese Fragen nicht.
Ich gebe nicht immer Antworten
Vielleicht ist das der wichtigste Teil meiner Arbeit.
Ich hätte dieser Frau erzählen können, was sie alles falsch macht.
Davon hätte sie vermutlich wenig gehabt.
Stattdessen habe ich gefragt.
Warum wird Dein Hund beim Anbinden ruhig?
Was unterscheidet Deinen Mann von Dir, wenn er die Box benutzt?
Warum funktioniert der Kontakt mit der souveränen Hündin?
Warum musste der andere Hund möglicherweise deutlicher werden?
Was belohnst Du gerade wirklich?
Und irgendwann begann sie, sich ihre Antworten selbst zu geben.
Genau dort wird Coaching für mich interessant.
Denn eine Erkenntnis, die ein Mensch selbst erlebt, ist etwas völlig anderes als eine weitere Trainingsanweisung.
Mich kann man schwer erklären. Man muss meine Arbeit erleben.
Vielleicht kann ich hundert Seiten darüber schreiben, dass ich nicht am Hund, sondern mit dem Menschen arbeite.
Dass es mir um Beziehung geht.
Um Führung, also Um Verantwortung.
Um Klarheit.
Um Co-Regulation.
Um die feinen Dynamiken zwischen Mensch und Hund.
Und trotzdem bleibt irgendwann die Frage:
Ja – aber was macht sie denn nun eigentlich?
Vielleicht ist diese Begegnung am Waldrand die beste Antwort darauf.
Ich beobachte. Ich höre zu. Ich stelle Fragen.
Ich sehe die Stellen, an denen Mensch und Hund miteinander in eine Dynamik geraten.
Und manchmal braucht es dann keinen neuen Trainingsplan.
Sondern einen Menschen, der plötzlich erkennt:
Mein Hund zeigt mir längst, wo ich hinschauen müsste.
Und genau dort beginnt meine Arbeit.
Das ETWAS ANDERE Coaching für Mensch und Hund
Ich arbeite nicht daran, einen Hund möglichst perfekt funktionieren zu lassen.
Ich begleite Menschen dabei, wieder klar, verlässlich und authentisch in Beziehung
mit ihrem Hund zu treten.
Denn manchmal braucht ein Hund nicht noch mehr Training.
Manchmal braucht er einen Menschen, der bereit ist, hinzuschauen.
Die Menschen-Trainerin für Hunde
Wenn Beziehung wichtiger ist als Training.