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Grenzen setzen Hund - innen wie aussen - der Hund als Spiegel

  • Autorenbild: Die Menschen-Trainerin für Hunde
    Die Menschen-Trainerin für Hunde
  • 8. Aug.
  • 6 Min. Lesezeit

Mahalo – der psychologische Abrissbagger


Kurzfristig  Hundesitter gesucht

Mahalo – der psychologische Abrissbagger und was mir dieser Hund über meine inneren Grenzen beibrachte


Ich dachte, ich hätte längst gelernt, Grenzen zu setzen.

Dann kam dieser Hund.


Ich kann Grenzen setzen. Davon war ich überzeugt. Jedoch mein Hund Mahalo sah das völlig anders.

Ich hatte Menschen aus meinem Leben verabschiedet, wenn Beziehungen mir nicht mehr guttaten. Ich konnte Nein sagen. Ich konnte mich behaupten. Ich konnte einem Hundehalter sagen, er solle seinen Hund anleinen. Ich konnte Kunden Grenzen setzen und Entscheidungen treffen, die anderen nicht gefielen.


Ich war also wirklich nicht der Meinung, dass ausgerechnet Grenzen noch eines meiner großen Lebensthemen wären.


Und dann kam Mahalo.


Ein kleiner Tibet-Spaniel mit der psychologischen Feinfühligkeit eines Abrissbaggers.

Dieser Hund hat mich überrollt.

Immer und immer wieder.

Regeln, die für jeden anderen Hund längst geklärt gewesen wären, stellte er erneut infrage. Grenzen schienen für ihn gelegentlich eher unverbindliche Diskussionsgrundlagen zu sein. Und wenn ich glaubte, jetzt hätten wir etwas wirklich verstanden, kam Mahalo um die Ecke und sagte sinngemäß: „Interessant. Aber gilt das auch heute?“


Ich war verzweifelt.

Und irgendwann auch richtig wütend.

Nicht nur auf ihn. Sondern weil ich nicht verstand, was dieser Hund eigentlich von mir wollte. Alles was ich bei Kundenhunden sehr erfolgreich anwendete und coachte funktionierte nur bedingt bei meinem eigenen Hund, bei Mahalo.

Ich fragte mich immer wieder: Was soll ich hier lernen? Warum fordert mich dieser Hund dermaßen an meinen Grenzen? Wo respektiere ich mich selbst nicht? Wo bin ich denn nicht klar genug?

Denn dass Mahalo mich an irgendeinem Punkt berührte, der mit mir zu tun hatte, spürte ich durchaus.

Nur fand ich ihn nicht.


Ich konnte doch Grenzen setzen


Das Verrückte daran war: Ich war mit diesem Hund nicht grundsätzlich unklar.

Ich hatte jahrzehntelange Erfahrung mit Hunden. Ich hatte schwierige Hunde begleitet. Ich wusste, wie Führung funktioniert. Ich wusste, wie wichtig Ruhe, Orientierung, Verbindlichkeit und Konsequenz sind.

Und trotzdem brachte mich ausgerechnet mein eigener Hund regelmäßig an einen Punkt, an dem ich dachte: Ich kann nicht mehr.


Heute weiß ich, warum ich das Thema so lange nicht finden konnte.

Ich suchte an der falschen Stelle.

Mahalo sollte mir nicht beibringen, Grenzen nach außen zu setzen.

Er führte mich zu einer viel tieferen Grenze:

zur Grenze meiner Wirksamkeit.


Der Hund, der einfach nicht pinkelte

Nirgendwo wurde das deutlicher als bei einem Problem, das von außen geradezu lächerlich klingt.

Mahalo sollte im Garten pinkeln.

Mehr nicht.

Dieser Hund konnte mich minutenlang draußen stehen lassen und einfach – nichts tun.

Besonders während einer Zeit, in der es mir körperlich sehr schlecht ging, wurde das zur Tortur. Ich stand draußen in der Kälte, konnte kaum noch, wartete und wartete – und Mahalo philosophierte offenbar über den Sinn des Lebens.

Oder führte seinen philosophischen Tanz auf LSD auf.

Nur pinkeln tat er nicht.

Und je mehr ich es brauchte, desto schlimmer wurde es.

Ich wurde ungeduldig. Dann wütend. Dann aggressiv. Ich fühlte mich diesem Hund vollkommen ausgeliefert.


Bis ich irgendwann etwas begriff:

Ich kann ihn nicht pinkeln machen.

Ich kann ihn hinausbringen.

Ich kann ihm einen geeigneten Platz geben.

Ich kann warten.

Ich kann einen Rahmen schaffen.

Ich kann führen.

Aber an einem ganz bestimmten Punkt endet meine Macht.

Pinkeln muss er selbst.

Das klingt banal.

Für mich war es das überhaupt nicht.


Hier endet meine Wirksamkeit

Heute hängt an diesem Platz in meinem Garten ein Schild.

Darauf steht sinngemäß: Hier endet meine Wirksamkeit.

Und dieses Schild hängt dort nicht für Mahalo.

Es hängt dort für mich.


Wenn ich heute mit ihm hinausgehe, setze ich mich hin und schaue manchmal darauf.

Ich habe meinen Teil getan.

Jetzt ist er dran.

Er kann pinkeln.

Oder er kann es lassen.


Und ausgerechnet seit ich diese Verantwortung nicht mehr innerlich übernehme, funktioniert es.

Nicht magisch. Nicht immer perfekt. Mahalo wäre schließlich nicht Mahalo, wenn er nicht gelegentlich überprüfen würde, ob der alte psychologische Notausgang vielleicht doch noch offensteht.

Aber der Kampf ist weitgehend verschwunden.

Und damit begann ich zu verstehen, was dieser kleine Abrissbagger all die Jahre freigelegt hatte.


Verantwortung ist nicht dasselbe wie Wirksamkeit


Ich habe sehr früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen.

Viel zu früh.

Und irgendwann wurde daraus etwas, das von außen sogar wie eine Stärke aussieht:

Ich sehe ein Problem – und suche eine Lösung.

Ich sehe einen Menschen in Not – und verstehe.

Ich sehe, warum jemand etwas nicht kann – und gleiche es aus.

Ich begleite.

Ich helfe.

Ich trage.


Das kann eine wunderbare Fähigkeit sein.

Bis man nicht mehr merkt, wo die eigene Verantwortung endet und die des anderen beginnt.

Genau diese Grenze hatte ich nicht vollständig gelernt.

Ich konnte sagen: Nein.

Aber innerlich konnte ich trotzdem noch denken:

Wie kann ich dafür sorgen, dass es für den anderen trotzdem funktioniert?


Das ist keine äußere Grenze mehr.

Das ist eine innere.

Und genau dort setzte Mahalo seinen Abrissbagger an.


Mein erster Hund rettete mein Leben. Mahalo grub noch tiefer.

Mein erster Hund kam in mein Leben, als ich eine sehr junge Frau war.

Er wurde auf eine Weise zu meiner Rettung, die ich damals noch gar nicht vollständig verstehen konnte. Durch ihn traf ich schließlich eine Entscheidung, die mich aus einer Beziehung herausführte, in der ich längst nicht mehr sicher war.

Meine zweite Hündin führte mich Jahre später auf meinen beruflichen Weg mit Hunden.

Diese Geschichte habe ich auf meiner Webseite erzählt, wenn Du sie erfahren möchtest.


Und dann kam Mahalo.

Ich dachte wahrscheinlich insgeheim, nach all diesen Jahren hätte ich das mit den Hunden inzwischen doch ganz gut verstanden, schliesslich arbeite ich mit ihnen und ihren Menschen. Mahalo offenbar nicht.


Der kleine Kerl erschien mit Helm, Warnweste und schwerem Gerät:

„Guten Tag. Psychologischer Tiefbau Mahalo. Laut unseren Unterlagen ist Ihre Grenzsanierung noch nicht abgeschlossen.“

Und dann grub er.

Fünf Jahre lang.


Manchmal hätte ich den Bauleiter gern persönlich erwürgt.

Heute beginne ich zu verstehen, wonach er gegraben hat.

Nicht alles liegt in meiner Hand

Vielleicht ist das eine der größten Lektionen, die mir ein Hund je beigebracht hat Ich kann einen Rahmen schaffen, aber ich kann nicht alles bewirken. Ich kann führen, aber nicht alles kontrollieren. Ich kann begleiten, aber nicht für einen anderen gehen. Ich kann verstehen, ohne zu übernehmen. Ich kann mitfühlen, ohne zu tragen.

Und ich kann an einem bestimmten Punkt sagen:

Hier endet meine Wirksamkeit. Nicht aus Gleichgültigkeit. Nicht aus Härte.

Sondern weil jenseits dieser Grenze die Verantwortung eines anderen beginnt.


Bei einem Hund sieht diese Verantwortung natürlich anders aus als bei einem erwachsenen Menschen. Aber Mahalo hat mir etwas sichtbar gemacht, das weit über Hundeerziehung hinausgeht.

Eine Grenze ist nicht erst dann eine Grenze, wenn ich laut Nein sage.

Manchmal ist die wichtigste Grenze vollkommen still.


Sie lautet:

Ich habe meinen Teil getan.

Danke, Du kleines Arschloch


Ich hätte vor einigen Jahren wahrscheinlich nicht geglaubt, dass ich diesen Satz einmal schreiben würde:


Mahalo ist ein toller Hund geworden.

Und vielleicht wird aus unserer jahrelang so anstrengenden Verbindung gerade noch etwas, das ich irgendwann kaum noch für möglich gehalten hatte.

Eine Beziehung, die nicht nur Kraft kostet. Sondern auch wieder Kraft gibt.


Und während Mahalo mich all das lehrte, geschah etwas fast Ironisches.

Parallel dazu lebte ich in einer Freundschaft, in der ich genau an dieser Grenze immer wieder hängen blieb. Einer Beziehung, in der ich sehr viel verstand, sehr viel mitfühlte und sehr lange darauf hoffte, dass aus Verstehen irgendwann auch Bewegung entstehen würde.

Ich hatte längst gelernt, äussere Grenzen zu setzen. Ich konnte Nein sagen. Ich konnte Beziehungen verlassen, die mir nicht guttaten. Und trotzdem blieb ich dort viel länger, als es mir guttat.

Heute verstehe ich warum.

„Ich musste nicht lernen, weniger zu lieben.

Ich musste lernen, dort aufzuhören zu ziehen, wo der andere selbst nicht geht.“


Ich hatte noch nicht gelernt, dass eine Beziehung nicht nur Kraft kosten darf, sondern auch Kraft geben muss. Dass ich einen Menschen verstehen kann, ohne auf seine Entwicklung warten zu müssen. Dass ich Möglichkeiten sehen darf, ohne dafür verantwortlich zu werden, ob der andere sie nutzt.


Und ausgerechnet Mahalo machte mir diese Dynamik immer wieder sichtbar.

Er brachte mich an Stellen, an denen ich keinen Zugriff hatte. Ich konnte führen, regulieren, Grenzen setzen, Orientierung geben – aber ich konnte nicht für ihn tun, was nur er selbst tun konnte.

Hier endet meine Wirksamkeit.


Was ich bei meinem Hund langsam lernen musste, durfte ich irgendwann auch auf Menschen übertragen.


Vielleicht war genau das eine seiner grössten Lektionen für mich.


Vielleicht musste dafür nicht nur Mahalo lernen, sich zu regulieren.

Vielleicht musste auch ich lernen, dass Verantwortung nicht bedeutet, für jedes Ergebnis verantwortlich zu sein bis zum Selbstverlust.


Ich weiß nicht, ob dieser kleine Hund mir diese Lektion „beibringen wollte“.

Aber ich weiß, dass ich sie durch ihn gelernt habe.


Und dafür sage ich heute:

Danke, Mahalo.

Du kleines Arschloch.

Du psychologischer Abrissbagger.

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