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Liebe und Mitgefühl für Tiere und für seine Mitmenschen

Autorenbild: Die Menschen-Trainerin für Hunde
Die Menschen-Trainerin für Hunde
vor 6 Minuten
6 Min. Lesezeit

Liebe und Mitgefühl zeigt sich, wenn es beschissen wird


Kurzfristig  Hundesitter gesucht


Es ist leicht, von Liebe zu sprechen, solange alles schön ist.


Solange der Welpe süss ist.

Die Katze mit dem Kind spielt.

Der Partner funktioniert.

Die Freundin unkompliziert ist.

Der Hund gesund ist.

Die Beziehung nichts fordert.


Aber was passiert, wenn es schwierig wird?


Wenn der Hund plötzlich Verhaltensprobleme zeigt. Wenn die Katze krank wird. Wenn ein Tier alt wird und nachts nicht mehr weiss, wo es ist. Wenn eine Beziehung einen Konflikt bekommt. Wenn ein Mensch nicht mehr nur angenehm ist. Wenn Verantwortung Zeit kostet, Geld kostet, Nerven kostet – und manchmal verdammt viel Kraft?


Vielleicht zeigt sich genau dort, was wir unter Liebe eigentlich verstehen.


Vor wenigen Tagen las ich von einer fünfeinhalb Monate alten Katze. Angeschafft offenbar auch als Spielkameradin für ein Kind. Die Katze erfüllte diese Vorstellung nicht. Dann wurde sie angefahren und brach sich ein Bein. Laut dem veröffentlichten Bericht wurde sie bei einer Tierärztin zum Einschläfern abgegeben. Die Tierärztin übernahm das Tier, liess es operieren und sucht nun ein neues Zuhause.


Fast gleichzeitig telefoniere ich mit einem Hundehalter. Ein sehr junger Hund zeigt Probleme. Es sind bereits verschiedene Fachpersonen involviert. Als ich erkläre, dass ich nicht komme, um den Hund zu „reparieren“, sondern mit den Menschen arbeiten muss und dafür Zeit brauche, höre ich:


„Ich habe wenig Zeit.“


Und irgendwo dazwischen sitze ich mit meinem eigenen Hund.

Seit über fünf Jahren.


Ein Hund, der mein Leben zeitweise auf den Kopf gestellt hat. Der mich an Grenzen gebracht hat, von denen ich vorher nicht wusste, dass ich sie habe. Ein Hund, über den ich geflucht habe. Wegen dem ich geweint habe. Der mich wütend gemacht hat. Mit dem ich manches Mal nicht mehr weiterwusste.


Ich erzähle das nicht, um mich auf ein Podest zu stellen.

Im Gegenteil.


Ich erzähle es, weil Verantwortung nicht bedeutet, immer liebevoll lächelnd auf einer Blumenwiese zu sitzen und dankbar für jede „Lernaufgabe“ zu sein.


Manchmal ist Verantwortung scheisse.


Manchmal bist Du müde. Manchmal hast Du keine Lust mehr. Manchmal brauchst Du Hilfe. Manchmal musst Du Deine eigenen Grenzen schützen. Und manchmal kann verantwortliches Handeln sogar bedeuten, ein anderes gutes Zuhause für ein Tier zu suchen, wenn Du ihm selbst wirklich nicht mehr gerecht werden kannst.


Aber Verantwortung bedeutet für mich etwas anderes als:


Ich wollte Dich – solange Du meinen Vorstellungen entsprochen hast. Jetzt bist Du schwierig. Also soll jemand anderes mein Problem lösen.


Und genau dieses Muster begegnet mir nicht nur bei Tieren.


Ich kenne es aus meiner Arbeit.

Ich kenne es aus Beziehungen.

Ich kenne es aus Freundschaften.

Und ich kenne die andere Seite davon aus meinem eigenen Leben.


Solange eine Beziehung angenehm läuft, nennen wir sie Liebe, Freundschaft, Familie oder Verbundenheit.


Aber irgendwann braucht Beziehung Bewegung.


Jemand muss dableiben.

Jemand muss Verantwortung für das eigene Verhalten übernehmen.

Ein Konflikt, Gefühle müssen ausgehalten werden.

Vielleicht muss etwas verändert werden, genauer bei sich hingeschaut.


Und plötzlich zeigt sich, ob zwei Menschen Beziehung miteinander tragen – oder ob einer darauf wartet, dass der andere sie wieder bequem macht.


Ich habe in meinem Leben sehr lange versucht, genau diese Lücken zu schliessen. Ich habe verstanden. Erklärt. Geholfen. Lösungen gesucht. Verantwortung übernommen, die gar nicht meine war.


Heute lerne ich etwas anderes: Liebe bedeutet nicht, die Verantwortung des anderen zu übernehmen.


Aber Liebe bedeutet für mich sehr wohl, meine eigene nicht einfach abzugeben.


Und vielleicht liegt genau dort ein gewaltiger Unterschied.


Denn es gibt auch den anderen Pol.


Menschen können Tiere nicht nur wegwerfen. Sie können sie auch derart vermenschlichen, behüten, beschäftigen, bespassen und jede kleinste Unzufriedenheit regulieren, dass dem Tier kaum noch Raum bleibt, einfach Tier zu sein.


Auch das kann aus Liebe entstehen.

Aber Liebe allein macht noch nicht automatisch alles richtig.


Zwischen „Du musst funktionieren, sonst will ich Dich nicht mehr“ und „Ich nehme Dir jede Schwierigkeit ab, weil ich Deine Unzufriedenheit nicht aushalte“ liegt etwas, das für mich immer wichtiger geworden ist:


Verantwortung


Verantwortung lässt dem anderen seine Würde.

Sie macht aus einem Hund weder ein Wegwerfprodukt noch ein Ersatzkind.

Sie macht aus einem Partner keinen Dienstleister für das eigene Wohlbefinden.

Und sie macht aus einer Freundin keine Therapeutin, die eine Beziehung alleine am Leben halten soll ohne dass ich mich selbst bewegen muss.


Verantwortung sagt: Ich habe mich für diese Beziehung entschieden. Also schaue ich hin, wenn es schwierig wird.


Nicht grenzenlos.

Nicht um jeden Preis.

Nicht bis zur Selbstaufgabe.


Aber ich verschwinde nicht einfach aus meiner Hälfte der Beziehung und lege dem anderen das ganze Paket vor die Füsse.


Und manchmal steht man selbst auf der anderen Seite


Während ich diese Zeilen schreibe, merke ich, dass dieses Thema noch eine andere Seite in mir berührt. Denn ich kenne nicht nur das Gefühl, Verantwortung für ein Tier zu tragen, wenn es schwierig wird.


Ich kenne auch das Gefühl, selbst irgendwann dazustehen und mich zu fragen:


Was passiert eigentlich mit mir, wenn ich nicht mehr funktioniere?

Wenn ich nicht mehr diejenige bin, die versteht.

Die nachfragt.

Die auf den anderen zugeht.

Die Lösungen sucht.

Die Konflikte anspricht.

Die Beziehung wieder in Bewegung bringt.


Ich habe in einer für mich sehr wichtigen Freundschaft erlebt, wie schmerzhaft diese Frage werden kann. Nicht weil ein grosser Streit alles zerstört hätte.

Sondern weil ich irgendwann aufgehört habe, das zu tun, was ich sehr lange getan hatte: die fehlende Bewegung auf der anderen Seite auszugleichen.


Und dann geschah – einfach nichts.


Vielleicht gehört das zu den schmerzhaftesten Erkenntnissen meines Lebens:

Manchmal merkt man erst dann, wie viel man getragen hat, wenn man es nicht mehr trägt.


Das fühlt sich verdammt ähnlich an wie: Solange Du funktionierst, solange Du etwas gibst, solange Du die Beziehung am Laufen hältst, bist Du wichtig.

Und wenn Du das nicht mehr kannst oder nicht mehr willst?

Dann bleibt plötzlich eine Leerstelle.


Ich weiss heute, dass Liebe für mich deshalb nicht bedeutet, einen Menschen um jeden Preis festzuhalten. Auch Loslassen kann verantwortlich sein. Auch eine Beziehung darf enden. Aber bevor ich von Liebe spreche, wünsche ich mir etwas anderes:


Dass wir nicht einfach verschwinden, sobald Beziehung Arbeit verlangt.

Dass wir miteinander sprechen.

Dass wir unseren Anteil anschauen.

Dass wir uns bewegen.

Dass nicht einer sechs Jahre lang versucht, eine Brücke zu bauen, während der andere auf seiner Seite steht und sagt, wie schön die Verbindung doch ist.


Und vielleicht ist genau deshalb Verantwortung für mich heute so untrennbar mit Liebe verbunden. Nicht weil Liebe verpflichtet, alles auszuhalten.

Sondern weil Liebe für mich bedeutet: Du bist mir nicht nur wichtig, solange Du für mich funktionierst.

Ich sehe Dich auch dann, wenn es schwierig wird.

Ich bleibe verantwortlich für meine Seite.


Und wenn ich nicht mehr kann oder nicht mehr will, dann verschwinde ich nicht einfach und lasse Dich mit den Trümmern unserer Beziehung allein.

Ich sage es Dir.

Ich stehe dazu.

Ich übernehme meinen Teil.


Denn ein Mensch ist genauso wenig ein Gebrauchsgegenstand wie ein Tier.

Und vielleicht ist das eine der bittersten Erfahrungen überhaupt:

Sich jahrelang wie ein Zuhause für jemanden angefühlt zu haben – und am Ende selbst vor einer verschlossenen Tür zu stehen.


Auch Nichtstun ist Verhalten


Wir denken bei Verantwortung oft an das, was jemand tut. Dabei können Beziehungen genauso an dem zerbrechen, was jemand dauerhaft nicht tut.

Nicht nachfragen. Nicht hinschauen. Nicht reagieren. Nicht mittragen. Nicht auf den anderen zugehen. Einen Konflikt nicht aufnehmen. Eine ausgesprochene Verletzung nicht zum Anlass nehmen, selbst in Bewegung zu kommen.


Und irgendwann sagt der andere: So kann ich nicht mehr.

Dann lässt sich leicht sagen: Du bist gegangen. Du hast die Beziehung beendet.

Formal vielleicht.

Aber wer beendet eine Beziehung wirklich?

Nur derjenige, der irgendwann die Tür schließt? Oder kann eine Beziehung auch dadurch beendet werden, dass jemand über lange Zeit nicht durch diese Tür kommt?


Verantwortung bedeutet für mich deshalb nicht nur, niemanden aktiv im Stich zu lassen. Sie bedeutet auch, die eigene Passivität nicht für Neutralität zu halten. Denn auch fehlende Bewegung hat eine Wirkung auf das Gegenüber.

Manchmal spricht derjenige, der schließlich geht, nur noch das Ende aus, das vorher längst durch tausend kleine Nicht-Bewegungen entstanden ist.


Vielleicht ist das für mich inzwischen sogar eine der wichtigsten Formen von Liebe:


Ich bleibe auf meiner Seite verantwortlich.


Für mein Tier.

Für mein Verhalten.

Für meine Entscheidungen.

Für meinen Anteil an einer Beziehung.


Und ich erwarte vom anderen Menschen dasselbe.

Nicht Perfektion.

Nicht Dauerharmonie.

Nicht, dass niemals etwas schiefgeht.

Sondern Bewegung.

Denn Liebe beweist sich nicht nur dort, wo es warm, leicht, bequem und schön ist.


Liebe und Verantwortung zeigen sich vor allem dann, wenn es beschissen wird.


Wenn der Hund schwierig wird oder einfach unsere Führung braucht.

Wenn das Tier krank oder alt wird.

Wenn eine Beziehung weh tut.

Wenn ein Konflikt entsteht.

Wenn das Leben plötzlich nicht mehr dem Prospekt entspricht.


Dann zeigt sich, ob ich wirklich in Beziehung bin – oder nur mit meiner Vorstellung davon.


Und wenn jemand ein Tier möchte, das immer niedlich ist, funktioniert, keine Arbeit macht, keine Kosten verursacht, nicht krank wird, keine Bedürfnisse entwickelt und niemals das eigene Leben durcheinanderbringt:


Dann gibt es dafür tatsächlich eine hervorragende Lösung. Ein Plüschtier


Das braucht keinen Tierarzt.

Keinen Hundetrainer.

Keine Zeit.

Keine Geduld.


Und vor allem: Es muss niemals den Preis dafür bezahlen, dass ein Mensch Verantwortung und Beziehung mit Besitz verwechselt hat.




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