Übersozialisierung beim Hund – Wenn aus Alltag ein Dauer-Event wird
- Die Menschen-Trainerin für Hunde

- 18. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Wie Überkonditionierung und ständige Aktivierung das Nervensystem verändern können

Wer mich kennt, weiss: Ich bin kein Fan davon, alles im Leben eines Hundes zu einem Ereignis zu machen.
Und genau dafür habe ich seit fünf Jahren das beste Beispiel direkt in meinem Wohnzimmer.
Mein Hund bekam heute Augentropfen.
Nichts Spektakuläres.
Keine grosse Herausforderung.
Keine besondere Leistung.
Er hielt ruhig hin und machte wunderbar mit.
Und dann sagte ich einen Satz, den ich seit Jahren kaum noch benutze:
„Das hast du gut gemacht.“
Was danach passierte, beobachte ich seit fünf Jahren immer wieder.
Der Hund schaltete sofort in den Erwartungsmodus.
Wo ist die Belohnung?
Wo ist der Keks?
Was kommt jetzt?
Habe ich etwas übersehen?
Zehn Minuten später sass er immer noch vor mir.
Unruhig.
Fiepend.
Mit einem Übersprung nach dem anderen.
Die Augentropfen waren längst vorbei.
Der Moment war längst vorbei.
Aber sein Nervensystem war noch immer beschäftigt.
Und genau darüber möchte ich heute in diesem Artikel sprechen, nicht aus dem Lehrbuch, sondern aus persönlich erlebter über 5-jähriger Erfahrung mit diesem Hund.
Wie Überkonditionierung beim Hund entsteht
Viele Welpen wachsen heute in einer Welt auf, in der alles spannend gemacht wird.
Die Leine.
Die Bürste.
Die Krallenschere.
Das Halsband.
Das Anfassen.
Das Futter.
Jeder Blick.
Jeder Schritt.
Jede Handlung.
Für alles gibt es Aufmerksamkeit, Animation, Belohnung oder emotionale Aufladung.
Was dabei oft übersehen wird:
Ein Hund muss nicht lernen, dass alles wichtig ist.
Ein Hund muss lernen, dass vieles völlig normal ist.
Nichts sollte grösser gemacht werden, als es eigentlich ist oder ? Wenn in einer prägenden Zeit des Hundes so auf ihn eingewirkt wird hat es weitreichende Folgen.....
Ich lebe mit diesen Folgen seit über 5 Jahren
Wenn aus Alltag Erwartung wird
Ich beobachte länger denn häufiger bei vielen Hunden, dass sie nicht mehr auf das Leben reagieren, sondern auf ihre Erwartung. Sie sind nervös, überdreht, gestresst - und das völlig grundlos eigentlich.
Sie warten ständig auf das Nächste.
Auf die nächste Belohnung.
Auf die nächste Aktion.
Auf das nächste Highlight.
Und genau dadurch entsteht häufig das, was viele Menschen später als Nervosität, Hibbeligkeit oder mangelnde Ruhe beschreiben.
Der Hund lebt nicht mehr im Moment.
Er lebt in permanenter Erwartung.
Warum mich dieses Thema so beschäftigt
Weil ich die Folgen jeden Tag sehe.
Nicht in einem Lehrbuch.
Nicht in einer Studie.
Sondern in meinem Alltag.
Mein Hund kam bereits mit zwölf Wochen zu mir.
Und rückblickend erkenne ich viele dieser Muster bereits in seinen ersten Wochen.
Nicht weil er ein schlechter Hund ist.
Nicht weil er schwierig ist.
Sondern weil sein gesamtes System gelernt hat, dass alles Bedeutung hat.
Alles.
Und genau das halte ich für problematisch.
Nicht alles muss gross gemacht werden
Eine Bürste ist eine Bürste.
Eine Leine ist eine Leine.
Augentropfen sind Augentropfen.
Nicht jede Handlung braucht Begeisterung.
Nicht jede Handlung braucht Belohnung.
Nicht jede Handlung braucht eine Party.
Hunde brauchen nicht ständig mehr Reize.
Viele Hunde brauchen weniger.
Mehr Alltag.
Mehr Normalität.
Mehr Selbstverständlichkeit.
Mehr Ruhe.
Mein persönliches Fazit
Ich werde meine Meinung zu diesem Thema wahrscheinlich nicht mehr ändern.
Dafür habe ich die Folgen zu oft gesehen.
Natürlich brauchen Hunde Orientierung, Sicherheit und soziale Erfahrungen.
Aber zwischen sinnvoller Prägung und permanenter Aktivierung liegt ein grosser Unterschied.
Nicht alles muss spannend sein.
Nicht alles muss emotional aufgeladen werden.
Manches darf einfach Alltag bleiben.
Und genau das scheint vielen Hunden heute verloren gegangen zu sein.
Zu ihrem Leidwesen werden sie durch unnötige Übersozialisierung und Frühkonditionierung aus ihrer wahren Natur gerissen.
Mein Hund kann bis heute kein "normales", eigentlich natürlich selbstverständliches und entspanntes Hundeleben führen.
Selbst kleinste Reize genügen um sein Nervensystem in Erwartung, Anspannung und Aktivierung zu versetzen.
Ich lebe mit diesen Folgen seit über 5 Jahren Tag für Tag, Stunde für Stunde muss ich aufpassen, wie ich mich verhalte um diesen Hund nicht mit einem Reiz auszulösen, der eigentlich ganz normaler Alltag wäre, hätte ihn nicht Menschenhand übergross gemacht für meinen Hund.
Mein Hund ist dadurch ständig auf meine Regulation von aussen angewiesen, um wieder in die Ruhe zurückzufinden, sogar nach kleinsten Reizen wie ein bisschen Augentropfen.
Mich stimmt diese Entwicklung sehr traurig und sehr oft macht sie mich auch wütend, denn ich sehe Tag für Tag, was passiert, wenn aus einem Hund ein Projekt gemacht wird, anstatt ihn einfach Hund sein zu lassen.














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