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Wenn Liebe und Mitgefühl beim Hund zur Überverantwortung wird

  • Autorenbild: Die Menschen-Trainerin für Hunde
    Die Menschen-Trainerin für Hunde
  • vor 7 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Was mein Hund mich über Grenzen, Nervensysteme und Beziehung lehrt


Mitgefühl Hund

Es gibt Hunde, die begleiten uns.


Und es gibt Hunde, die führen uns mitten hinein in unsere tiefsten inneren Prozesse.


Meiner gehört definitiv zur zweiten Kategorie.


Lange dachte ich, ich müsse ihn „reparieren“.

Nicht bewusst.

Nicht hart.

Nicht mit Druck oder Strenge.

Sondern aus Liebe.

Aus Verantwortung.

Aus Mitgefühl.


Denn dieser Hund kam nicht stabil und selbstsicher in mein Leben.

Er kam hochsensibel, verunsichert (u.a. durch ungesunde und ebenso unnatürliche Übersozialisierung und Eingreifen von Menschen), schnell überfordert, abhängig von permanenter Orientierung und emotionaler Rückversicherung.


Kleinste Veränderungen konnten ihn aus dem Gleichgewicht bringen.

Regen.

Schnee.

Ein anderer Ablauf.

Eine andere Farbe seiner Hundedecke.

Ein anderer innerer Zustand bei mir.


Und gleichzeitig war da immer dieses Gefühl:

„Du musst ihm helfen. Du musst ihn tragen. Du musst ihn begleiten.“

Also tat ich genau das.


Ich konfrontierte ihn.

Ich setzte Grenzen.

Ich übte Frustrationstoleranz

Ich ignorierte Theater.

Ich hielt Dinge aus.


Und trotzdem kam er immer wieder in dieselben Muster zurück:

Einfrieren.

Blockieren.

Unsicherheit.

Bedürftigkeit.

Kontrolle durch Verweigerung.


Nicht aus Bosheit.

Nicht aus Dominanz.

Sondern aus einem Nervensystem heraus, das früh gelernt hatte:

„Ich kann vieles nicht alleine regulieren.“

"Ich schreie und schaue mal, ob jemand kommt und mich rettet."


Und irgendwann merkte ich etwas sehr Schmerzhaftes:


Nicht nur mein Hund lebte so.

Ich auch.


Parallel zu diesem Hund befand ich mich jahrelang in einer emotional sehr tiefen Verbindung zu einem Menschen, den ich liebte und grenzenloses Mitgefühl und Verständnis für Verhalten mir gegenüber entgegenbrachte.


Ich wollte niemanden verändern.

Das hatte ich gelernt.

Liebe bedeutet doch, jemanden anzunehmen, wie er ist. Oder?


Also verstand ich.

Ich erklärte.

Ich relativierte.

Ich hatte Mitgefühl.

Ich entschuldigte.

Ich hoffte.


Und während ich glaubte, besonders bewusst und liebevoll zu handeln, verlor ich etwas Entscheidendes aus den Augen:


Mich selbst.


Denn Verständnis wurde schleichend zu Überverantwortung.

Mitgefühl wurde zu emotionalem Mittragen.

Liebe wurde zu einem stillen Aushalten von Dingen, die mir längst nicht mehr gut taten.


Immer wieder äusserte ich Bedürfnisse.

Wunsch nach Resonanz.

Nach wirklicher Verbindung.

Nach emotionalem Mitgehen.

Und bekam oft: Stille. Rückzug. Passivität. Ignoranz.


Lange verstand ich auch das noch.

Bis irgendwann etwas in mir erwachte und fragte:

„Moment mal… was passiert hier eigentlich?“


Warum mache ich aus kleinsten Gesten riesige Liebesbeweise?

Warum bin ich so dankbar für minimale emotionale Präsenz?

Warum entschuldige ich dauerhaft Verhalten, das mich innerlich leer macht und immer wieder alleine bleiben lässt?


Und plötzlich sah ich die Parallele zu meinem Hund.

Beide Systeme führten mich immer wieder an denselben Punkt:


Wie schnell verliere ich mich in der Bedürftigkeit anderer?

Wie schnell mache ich ihre Unsicherheit zu meiner Aufgabe?

Wie schnell beginne ich, für mehrere Nervensysteme gleichzeitig zu leben?


Mein Hund zeigte mir das täglich. Ganz praktisch.


Er steht manchmal im Garten wie eingefroren und kann nicht einmal pinkeln, obwohl er dringend müsste. Früher stand ich daneben, fror, wurde innerlich hektisch, ärgerlich, angespannt. Ich fühlte mich verantwortlich. Ich musste doch „helfen“.


Heute gehe ich manchmal einfach wieder hinein.

Nicht aus Lieblosigkeit.

Sondern weil ich gelernt habe: Sein Nervensystem darf lernen, Dinge auszuhalten, ohne dass ich mich dabei verliere.


Und genau dort begann etwas Neues in mir.

Eine andere Form von Liebe.

Nicht: „Ich rette dich.“

Sondern:

„Ich sehe dich. Ich verstehe dich. Aber ich opfere mich nicht mehr für Dich.“


Das gilt für meinen Hund.

Und es gilt auch für Menschen.

Denn Liebe bedeutet nicht, alles auszuhalten.

Liebe bedeutet nicht, emotionale Vernachlässigung schönzureden.

Liebe bedeutet nicht, dauerhaft über die eigenen Grenzen zu gehen, nur weil man versteht, woher etwas kommt.


Ich darf jemanden lieben und trotzdem sagen: „So tut es mir nicht gut.“

Das ist kein Verrat.

Das ist Würde.


Vielleicht ist genau das die tiefste Lektion, die dieser Hund mir bringt:

Mitgefühl ohne Selbstaufgabe.

Verbindung ohne Verschmelzung.

Grenzen ohne Härte.

Liebe ohne Rettungsmission.


Und vielleicht beginnt echte Heilung genau dort: Wenn wir aufhören, ständig alles mitzutragen - und beginnen, uns selbst wieder mitzudenken.


Mein Hund war und bleibt dafür mein klarster Spiegel und gerade ist er mein grösster Lehrmeister.


Hundeschule Kontakt

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